Der Entwerfer geht zunächst von einer planen Fläche aus: der Dokumentseite am Bildschirm, einem Probeausdruck – oder früher – dem manuell am Zeichentisch ausgeführten Entwurf. Im Falle eines Einzelblatts oder Plakats ist das, am Ende des Prozesses, vorliegende gedruckte Produkt – ebenso – plan.
Bei der Buchgestaltung verhält es sich anders: Die als plane Fläche gestaltete Seite (Doppelseite) wird, im gedruckten Buch, nie völlig plan sein. Die aufgeschlagene Doppelseite wird, mehr oder weniger, zum Bund hin gewölbt sein. Dies ist eine Tatsache, die auf die besondere, jahrhundertealte Anatomie des Buchs zurückzuführen und in den Entwurfsprozess einzubeziehen ist und nicht negiert werden kann.
Der Entwurf von Buchseiten ist zunächst, vielleicht vergleichbar mit dem Gebäudeplan eines Architekten, die Arbeitsgrundlage oder der Ausgangspunkt für das fertige Produkt Buch. Wie entscheidend und grundlegend der eigentliche Entwurf ist, so bleibt er immer auch ein theoretisches Ideal mit modellhaftem Charakter und muss sich, in der Umsetzung als frisch gedrucktes Buch, der „Praxis“ unterziehen.
Ein Seitenpaar, das plan auf dem Tisch oder auf dem Bildschirm abgebildet noch so harmonisch aussah, kann in der Praxis versagen. Die schönsten Satzspiegelkonstruktionen funktionieren nicht, wenn ein Buch sich nicht gut aufschlagen läßt. […]
– Hans Peter Willberg, Friedrich Forssmann, Lesetypographie, Verlag Hermann Schmidt, 1997
Von der Fläche zum Körper
Ausgangspunkt jeder Buchherstellung ist der Bogen. Auf einem Druckbogen werden beidseitig mehrere Buchseiten gedruckt. Der bedruckte Bogen wird entsprechend gefaltet (gefalzt), sodass eine Lageentsteht. Mehrere Lagen werden durch eine Bindung zusammengefügt und ergeben den Buchblock. Damit die Seiten in der gewünschten Reihenfolge im Buch erscheinen, werden sie entsprechend auf dem Bogen angeordnet (ausgeschossen). Wurden früher die einzelnen (Nutzen) manuell montiert, findet dies heute automatisiert in der Druckvorstufe statt.
Aus der Fläche, dem Druckbogen, entsteht also durch mehrfaches Falzen in Längs- und Querrichtung ein dreidimensionales Objekt, das Buch, dessen physische Gestalt sich durch das Zusammenspiel von Seitenformat-/Proportion, seinem Umfang (Anzahl der Seiten), Papierstärke- und Volumen gebildet wird.
Je kleiner das Buchformat, desto mehr Seiten finden auf einem Bogen Platz. Historische Buchformate wurden nach dem Anzahl Nutzen pro Druckbogen bezeichnet und stellen diesen Zusammenhang anschaulich dar.
[Abb. 1: vom Bogen zum Buchblock]
[Abb. 2: klassische Bogenformate]
Symmetrie, Axialität
Die Tatsache, dass das aufgeschlagene Buch symmetrisch ist, bedeutet nicht, dass die Gestaltung der Doppelseite auch der Symmetrie folgen muss. Bei klassischen Büchern, dessen Grundform wir heute noch bei Büchern vorfinden, die für das Lineare Lesen konzipiert sind (Beispiel Roman) ist häufig ein symmetrischer Seitenaufbau erkennbar: Die Stege an der äußeren Seite bilden einen Rahmen in Form eines schützenden Weißraums. Die symmetrische Anordnung bietet außerdem den Vorteil, dass die bedruckten Textfelder/Satzspiegel immer deckungsgleich aufeinanderliegen und ein Durchscheinen der Rückseite nicht störend zum Tragen kommt.
Geöffnet, ist das Buch von spiegelsymmetrischer Gestalt. Seine Achse ist der Bund, um den die Seiten gewendet werden. Jede, auch asymmetrisch angelegte Typografie, hat deshalb stets auf die dem Gebrauchsgegenstand Buch innenwohnende Symmetrie Rücksicht zu nehmen. Die Symmetrieachse des Bundes ist immer da; man kann sie zwar überspielen, aber nie negieren
Beim Aufschlagen eines Buchs finden wir eine Doppelseite vor, ein verbindlich miteinander verbundenes Seitenpaar. Das mag bekannt sein oder selbstverständlich klingen, ist jedoch eine elementare Grundbedingung für die praktische Buchtypografie, die man beim Entwerfen einbeziehen muss und nicht ignorieren darf.
Zwischen Einzelseite und Doppelseite besteht ein subtiles Zusammenspiel zwischen Einheit und Eigenständigkeit: Das Spielfeld der Typografie – die gestaltete Fläche – ist immer die gesamte Doppelseite, wobei die Einzelseite eine eigenständige gestalterische Einheit darstellt. Der Falz hat dabei eine verbindende ebenso wie eine trennende Eigenschaft: Er hält die Doppelseite als Einheit zusammen und trennt gleichzeitig die beiden Einzelseiten voneinander.
Aus inhaltlicher Sicht steht die Einzelseite zunächst für sich, erst als Seitenpaar stößt sie einen Dialog an und ermöglicht den Beginn einer Erzählung.
Die Seiten eines Buches dürfen niemals als Einzelblätter betrachtet werden. Das Seitenpaar eines aufgeschlagenen Buches bildet eine Einheit und darf ästhetisch nur als Paar ins Auge gefaßt werden.
— Jan Tschichold, die Maßverhältnisse der Buchseite, des Schriftfeldes und der Ränder, Schriften 1925–1974, Brinkmann & Bose, Berlin 1991
Der Falz markiert die exakte Mitte des aufgeschlagenen Buchs. Er bildet die Achse und – da das Buch durch das Blättern zu einem kinetischen Objekt wird – auch die Bewegungsachse. die Symmetrie, vorgegeben durch die Symmetrieachse, die spiegelbildliche Einheit zweier Seiten.
Linke Seite / rechte Seite
Ausgehend von der Leserichtung (von Text sowie von Bildern) stellt die linke Seite den Ausgangspunkt des Lesevorgangs dar, auf ihr jeweils links oben. Zumindest in Büchern für Lineares Lesen, beispielsweise einem Roman. Die aktivere Seite ist jedoch die rechte Buchseite. Sie kommt beim Blättern zuerst zum Vorschein. Bei Bildbänden sind daher Reproduktionen meist auf der rechten Seite positioniert, die linke Seite bleibt u bedruckt (vakat) oder enthält einen Titel/Bildunterschrift. Unbedruckte Seiten, sogenannte Vakatseiten, sind bei Büchern aufgrund von nicht immer kalkulierbaren Textumfängen und Bildanzahl nicht gern gesehen, da sie den Seitenablauf unterbrechen und stören, jedoch in manchen Fällen kaum vermeidbar. Linke Vakatseiten werden in solchen Fällen als weit weniger störend empfunden als rechte Vakatseiten.
Also besteht, hinsichtlich der Bedeutung/Hierarchie und Aktivität der beiden Seiten, eine Zweideutigkeit: Befindet sich der Anfangspunkt des Lesensauf der linken Seite, so ist die rechte Seite die aktivere. [in der Theorie der Typografie bezieht sich der Begriff Lesenauf die Rezeption von Text ebenso wie von Bildern]
[Abb. 5: Leserichtung/Aktivität]
Die Anatomie des aufgeschlagenen Buchs
Die Doppelseite, die beim Aufschlagen eines Buchs zum Vorschein kommt, schwankt hinsichtlich seiner Physikalität immer zwischen Fläche und dreidimensionalem Körper; liegt zwischen Zwei- und Dreidimensionaliät und erschliesst aus der Fläche den Raum. Von der Seite betrachtet, ließe sich das geöffnete Buch vielleicht am ehesten als reliefartigbezeichnen.
Die erste Frage eines Buch-Typographen ist: wie wird gebunden? Weiter muß gefragt werden:
wie dick ist das Buch? und: welches Papier wird verwendet?
– Hans Peter Willberg, Friedrich Forssmann, Lesetypographie, Verlag Hermann Schmidt, 1997
Jedes zu entwerfende Buch ist, hinsichtlich seines Körpers, einzigartig und ist durch das Zusammenspiel unterschiedlicher Faktoren geprägt: Format/Proportion der Buchseite und Volumen/Grammatur des Papiers definieren den Körper des Buchblocks. Grundsätzlich nimmt die Wölbung mit zunehmendem Seitenumfang zu. Ebenso hat die Art sowie die qualitative Ausführung der Bindung einen großen Einfluss: Beispielsweise erlaubt eine Fadenheftung ohne Buchrücken eine fast plane Doppelseite. Eine gut ausgeführte Fadenheftung ermöglicht ein geschmeidiges Aufschlagen und Blättern, eine nicht gut ausgeführte Bindung führt zu einem sperrigen Aufschlagverhalten.
[Abb. 5: das aufgeschlagene Buch im Schnitt, reliefartig, zwischen Fläche und Körper]
[Abb. 6: die Wölbung des aufgeschlagenen Buchs kann sehr unterschiedlich ausfallen]
Über den Falz / mit dem Falz
Aufgrund der Anatomie des Buchs ist, wie beschrieben, die aufgeschlagene Doppelseite eines Buchs zum Falz hin gewölbt, wobei die Ausprägung der Wölbung von unterschiedlichen Faktoren abhängt und daher bei jedem Buch unterschiedlich ausgeprägt ist.
Sind diese „anatomischen“ Voraussetzungen auf der einen Seite ein zentrales Merkmal des Objekts Buchs, so stellt es auf der anderen Seite für den Entwerfer in der Praxis ein „Gestaltungsproblem“ dar, dass er in allen Phasen des Entwurfsprozess mit einbeziehen muss.
Die Wölbung des aufgeschlagenen Buchs hat zu Folge, dass nah des Falzes gedruckte Elemente verzerrt erscheinen oder sogar im Bund verschwinden (Bund-Schwund). Je näher Elemente am Falz liegen, desto stärker nimmt die Verzerrung zu. Die Verzerrung kann stark oder weniger stark auftreten und hängt vom Relief des Buchs ab. Je nach Lage der Doppelseite innerhalb des Buchs fällt die Wölbung unterschiedlich stark oder symmetrisch aus.
Die Lesbarkeit von Text, besonders in kleineren Schriftgraden wird negativ beeinflusst, wenn er zu nah am Falz positioniert ist. Schon eine geringe Verzerrung kann Buchstabenformen stark verfremden. Daher ist darauf zu achten, dass der Innen-/Bundsteg ausreichend breit gewählt wird, um die Wölbung des Falzes auszugleichen. Hilfreich für die Bestimmung des richtigen Werts hierfür ist – neben im „Bücher machen“ gesammelten Erfahrungswerten – immer ein Blindband, der mit dem verbindlichen Seitenumfang und aus dem Auflagenpapiergefertigt wird. Zu bedenken ist jedoch, das aufgrund der handwerklichen Fertigung, die sich von der industriellen Bindung bei der späteren Auflagenproduktion unterscheiden kann, dennoch eine gewisse Abweichung zur späteren Auflage ergeben kann.
Bilder über den Falz zu positionieren stellt hingegen ein geringeres Problem dar. Dem halbwegs erfahrenen Leser und Buchbenutzer ist die gewölbte, nicht völlig plane, Oberfläche einer Doppelseite vertraut: Die Doppelseite wird als Ganzes gelesen, daher fällt die Verzerrung des Bilds nicht allzu störend auf und wird teilweise vom Auge kompensiert. Voraussetzung ist, dass wichtige Elemente des Bilds nicht, oder nicht zu dicht am Falz sitzen. Das menschliche Auge reagiert, unterbewusst, sensibel auf Gesichter oder Anatomische Darstellungen, geringe Verzerrungen werden schnell als irritierend aufgenommen. Eine geschickte Positionierung des Bilds auf der Doppelseite oder, wenn möglich, die Veränderung des Bildausschnitts, kann dies verhindern. Gut gesehen und gewählt, kann eine Platzierung über den Falz mitunter die Aussage sogar verstärken.
Besondere Sensibilität ist geboten, wenn es sich um Reproduktionen eigenständiger Kunstwerke handelt, deren Bedeutung und Aussage durch die Platzierung über den Falz gestört werden könnte. Daher wird in solchen Fällen häufig die Positionierung auf einer Doppelseite bevorzugt. Um die plane Wiedergabe einer Reproduktion zu ermöglichen, werden in seltenen Fällen (weil kosten- und arbeitsintensiv) Altarseiten angelegt.